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Seenotrettungsorganisationen

Mission Lifeline

Mission Lifeline wurde 2016 in Dresden gegründet. Seitdem führten sie 6 Missionen mit ihrem ersten Schiff, der Lifeline, durch, bevor diese 2018 in Malta beschlagnahmt wurde und Ermittlungen gegen den Kapitän Claus-Peter Reisch wegen unzureichender Schiffsregistrierung eingeleitet wurden. Das Verfahren zieht sich bis zum heutigen Tage hin. Die Lifeline wird dadurch blockiert und konnte seitdem nicht mehr zur Seenotrettung eingesetzt werden. Mission Lifeline blieb in der Zwischenzeit jedoch nicht untätig, sondern führte Missionen mit einer Flotte von Segelyachten durch, um auf das andauernde Sterben im Mittelmeer aufmerksam zu machen.

Außerdem kauften sie ein weiteres Schiff, die Eleonore, die nach ihrer ersten Mission im September 2019 mit über 100 Geretteten auf 46qm mehr als eine Woche auf einen Sicheren Hafen warten musste. Der Kapitän erklärte die Lage an Bord schließlich zur Notsituation und fuhr in den Hafen von Pozzallo (Italien) ein. Seitdem ist auch dieses Schiff beschlagnahmt. Daraufhin verkauften Mission Lifeline ihr erstes Schiff und erwarben das Torpedofangboot TF6 der Bundesmarine, welches noch in diesem Jahr unter dem Namen Rise Above im Mittelmeer auf Rettungsmission gehen soll.

Wer weitere Informationen zu Mission Lifeline haben möchte, dem können wir wärmstens die Dokumentation “Die Mission der Lifeline” von Markus Weinberg empfehlen.

Sea Watch

Der Verein Sea Wach wurde 2015 als Reaktion auf den Abbruch der italienischen Marine Operation Mare Nostrum in Berlin gegründet. Im gleichen Jahr erwarben sie ihr erstes Schiff, die Sea Watch, die mittlerweile an den Verein Mare Liberum übergeben wurde. Von 2016 bis 2017 nutzte der Verein das Schiff Sea Watch 2. Nachdem sie bei Einsätzen mehrfach an die Grenzen des Machbaren gestoßen waren, wurde das Schiff an die Organisation Mission Lifeline verkauft und unter dem Namen Lifeline weiterhin zur Rettung Geflüchteter im Mittelmeer eingesetzt.


Sea Watch übernahm das größere und flexiblere Schiff Dignity I von Ärzte ohne Grenzen und benannte es in Sea Watch 3 um. Sie war seit November 2017 an der Rettung von über 3000 Menschen im Mittelmeer beteiligt. Im Juni 2019 wurde das Schiff von den italienischen Behörden beschlagnahmt, nachdem die Kapitänin trotz Verbot im Hafen von Lampedusa angelegt hatte. Sie sah sich zu dieser Maßnahme gezwungen, da nach 16 Tagen ohne Sicheren Hafen mehrere Personen an Bord aus Verzweiflung angedroht hatten, sich das Leben zu nehmen. Daraufhin wurde die Sea Watch 3 zur Beweissicherung beschlagnahmt und konnte nach einem langen Rechtsstreit erst Mitte Dezember wieder auslaufen. Zuletzt war die Sea Watch 3 eines der wenigen Rettungsschiffe, das auch während der Corona Pandemie auf dem Mittelmeer aktiv war.


Gemeinsam mit der Schweizer humanitären Piloteninitiative betreibt Sea Watch seit 2017 das zivile Aufklärungsflugzeug Moonbird. Damit sind sie in der Lage, ein großes Seegebiet im zentralen Mittelmeer abzudecken und somit Seenotfälle frühzeitig zu entdecken und zu melden. Die Moonbird schließt somit eine Lücke in der zivilen Seenotrettung.
Seit Februar 2020 betreibt Sea Watch außerdem die Sea Watch 4 (ehemals Poseidon), die im Rahmen der Initiative United4Rescue ersteigert wurde. Der Träger dieser Initiative, an der sich zahlreiche Organisationen aus der Sozial- und Flüchtlingspolitik, wie Seebrücke, Pro Asyl und Campact engagieren, ist der Verein Gemeinsam Retten, der im November 2019 von der Evangelischen Kirche ins Leben gerufen wurde.
Hier gibt es einen guten Beitrag von Panorama zur Beschlagnahmung der Sea Watch 3.

Sea Eye

Der Verein Sea-Eye wurde 2015 in Regensburg gegründet und führte seitdem über 60 Seenotrettungsmissionen im Mittelmeer durch. Das erste Schiff des Vereins war die Sea-Eye, die von 2015 bis 2018 im zentralen Mittelmeer im Einsatz war. Ihr Schwesterschiff wurde unter dem Namen Seefuchs ebenfalls von Sea-Eye zur Rettung im Mittelmeer eingesetzt. Im Jahr 2019 wurde sie an die spanische Organisation Proem Aid verschenkt.


Seit Herbst 2018 betreibt Sea-Eye das Rettungsschiff Alan Kurdi, die in Anlehnung an den Namen eines bei der Flucht von der Türkei nach Griechenland ertrunkenen Jungen benannt ist. Großes Aufsehen erregte ein Vorfall im Jahr 2019, als die Alan Kurdi bei einer Rettungsaktion in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste von der sogenannten libyschen Küstenwache bedrängt wurde. Die Libyer versuchten die Rettung der Geflüchteten zu verhindern, drohten dem Kapitän der Alan Kurdi mit Waffengewalt und feuerten Schüsse in die Luft und ins Wasser. Menschen, die von der libyschen Küstenwache auf ihr Schiff gezogen wurden, sprangen zurück ins Wasser.


Auch während der Corona Pandemie lief die Alan Kurdi weiterhin zu Rettungsmissionen aus. Dabei kam es Anfang April erneut zu einem Zwischenfall mit der „libyschen Küstenwache“ als die Alan Kurdi versuchte in internationalen Gewässern 68 Personen von einem Holzboot zu retten. Nachdem Malta und Italien zunächst die Einfahrt in einen Hafen verweigert hatten, konnten die Menschen an Bord der Alan Kurdi nach knapp zwei Wochen schließlich zur Quarantäne auf ein Fährschiff vor sizilianischen Küste transferiert werden. Seitdem wird der Alan Kurdi jedoch von den italienischen Behörden, mit Hinweis auf angebliche technische Mängel, die Erlaubnis zum Auslaufen verweigert.

SOS Mediterranee

Die Organisation SOS Mediterranee wurde 2015 von europäischen Bürger*innen gegründet. Bis April 2020 arbeiteten Teams aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Italien zusammen mit Mitgliedern von Ärzte ohne Grenzen, um auf das Sterben im Mittelmeer aufmerksam zu machen und möglichst viele Schiffbrüchige zu retten.


Ihr erstes Schiff, die Aquarius, war von Februar 2016 bis Dezember 2018 im Einsatz. Im Verlauf des Jahres 2018 kam es dabei zu wochenlangen Stand-Offs aufgrund der Sperrung von Häfen und mehrtägige Reisen unter schwierigen Wetterbedingungen zum nächsten geöffneten Hafen wie bspw. im Juni 2018, als die Aquarius nicht in die Häfen von Italien und Malta einlaufen durfte und stattdessen den vier Tage entfernten Hafen von Valencia ansteuern musste. Nachdem die Flagge der Aquarius zudem mehrmals mit fragwürdigen Begründungen entzogen wurde, entschied man sich dazu, ein größeres Schiff zu chartern, um unter diesen Bedingungen weiterhin Seenotrettungseinsätze durchführen zu können.


So begann im August 2019 der Einsatz der Ocean Viking. Seitdem konnten mehr als 30.000 Menschen gerettet werden. Allerdings wurde auch die Rettung dieser Personen massiv behindert. So wurde die Besatzung kaum noch von staatlichen Seenotrettungsleitstellen über Notfälle informiert, zunächst erteilte Genehmigungen, wie z.B. zum Tanken, wurden von staatlicher Seite ohne Begründung zurückgenommen und deutlich häufigere Kontrollen zur Qualitätsüberprüfung des Schiffes wurden durchgeführt. Außerdem kam es weiterhin nach fast jeder Rettung zu teilweise wochenlangen Stand-Offs, trotz der vermeintlichen Verbesserung der politischen Situation, wie sie z.B. durch das Malta-Abkommen versprochen wurde.
Der Einsatz der Ocean Viking wird komplett durch Spendengelder finanziert.

Wer einen persönlichen Einblick haben möchte, findet hier einen Blogeintrag von einem Mitglied der Mannschaft.

Jugend Rettet

Der Verein Jugend RETTET e.V. wurde im Herbst 2015 von einer Gruppe junger Menschen in Berlin gegründet. Ähnlich wie Sea Watch reagierten sie damit auf das Ende der durch Italien staatlich organisierten Seenotrettung und dem damit hervorgerufenen Anstieg der Todesopfer im zentralen Mittelmeer.

Um gegen das Sterben an den europäischen Außengrenzen vorzugehen, startete Jugend RETTET eine Crowdfunding-Kampagne, wodurch im Mai 2016 die IUVENTA erworben werden konnte. Der ehemalige Fischkutter wurde zu einem Rettungsschiff umgebaut und startete im Juli 2016 zu seiner ersten Mission „Solidarity“, bei der 1388 Menschen aus Seenot gerettet wurden. Innerhalb eines Jahres brach die IUVENTA zu 15 Rettungsmissionen auf, wobei insgesamt mehr als 14.000 Menschen gerettet werden konnten. Am 02.August 2017 wurde die IUVENTA von den italienischen Behörden nach Lampedusa beordert und dort als erstes NGO-Schiff präventiv beschlagnahmt. Der Vorwurf lautet Beihilfe zur illegalen Einwanderung, eine Anklage ist jedoch bis heute nicht erfolgt. Zudem wird mittlerweile gegen zehn Crewmitglieder von Jugend RETTET ermittelt – ihnen droht für ihren Einsatz als Seenotretter*innen bis zu 20 Jahren Haft.

Währenddessen liegt die IUVENTA weiterhin in Trapani vor Anker und Jugend RETTET setzt sich für ihre Freilassung sowie ein Fallenlassen der Ermittlungen gegen die Crewmitglieder ein, um wieder bei der Rettung von Seenotfällen helfen zu können.
In diesem Video von Forensic Architecture (einer unabhängigen Kunst- und Rechercheagentur am Centre for Research Architecture, Goldsmiths, University of London) werden die Vorwürfe gegen Jugend RETTET detailliert widerlegt.